Caroline Jäger-Klein:
Empfehlungen für das Wiener Cottage im Sinne der Welterbekonvention der UNESCO
Manche Wiener bezeichnen das Währinger und Döblinger Cottage-Viertel verkürzt mit Cottage, französisch ausgesprochen. Dies ist zwar nicht der korrekte, aus dem Englischen abgeleitete Name, aber die begriffliche Verknappung im Volksmund charakterisiert recht gut den Kern eines ausgedehnten Ensembles aus rund 450 Einzelobjekten einschließlich ihrer Umgebung, das als zusammengehörige Einheit mit einer ganz spezifischen Identität beschrieben werden kann. Der Kern dieser Entität besteht jeweils im Einzelobjekt, im Englischen und Französischen cottage genannt, wie auch im Gesamten. Ursprünglich bezeichnete der Begriff im Englischen wie im Französischen schlicht ein „Landhaus“. Mit dem fortschreitenden 19. Jahrhundert wird die Bezeichnung sukzessive auf spezifisch gestaltete Villen im Vorstadtbereich erweitert: Denn diese Vorstadtvillen sind eindeutig nicht mehr Landhäuser im Sinne von mansions oder manor houses, sondern cottages ornés, „künstlich rustikal gestaltete Landhäuser, meist asymmetrisch angelegt mit Rieddach, dekorativer Holzverschalung und roh bearbeiteten Holzsäulen“1, wie es das Lexikon der Weltarchitektur der namhaften Kunsthistoriker Nikolaus Pevsner, Hugh Honour und John Fleming beschreibt. Wir nehmen aus diesem Lexikoneintrag mit, dass das cottage orné während des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts „aufgrund der Begeisterung für das Malerische“ entstanden ist. Unmittelbar zugeordnet wird dem Begriff die Siedlung für pensionierte Landarbeiter Blaise Hamlet nahe Bristol (Abb. 1 u. 2), ein 1811 von John Nash (1752–1835) konzipiertes und von einem philanthropisch angehauchten Quäker-Bankier finanziertes, künstliches Dorf in Stadtnähe. Es besteht aus neun Cottages mit charakteristischen Kaminen aus Sichtziegeln, die hoch aus den reet- und steinplattengedeckten Häusern ragen. Darunter ducken sich malerisch um einen Dorfanger gruppierte Fachwerkhäuser, die man heute als herausgeputztes Freiluftmuseum besuchen kann. Das Lexikon der Weltarchitektur charakterisiert dessen Entwerfer Nash interessanterweise wie folgt: „Londons einziger, wirklich schöpferischer Stadtplaner, der größte Architekt des pittoresken Stils. […] Details behandelte er oberflächlich und nachlässig, erreichte jedoch mühelos meisterhafte Wirkungen. Ihm lag […] mehr an der Gestaltung des Außenbaus als der Interieurs.“2 Schlägt man weiterführend den Begriff des Pittoresken im selben Lexikon nach, erfährt man, dass der Effekt „in der Baukunst durch interessante asymmetrische Gruppierungen von Bauten oder Bauteilen und eine Vielfalt von Baumaterialien erreicht“ wird, oder auch durch „italienisierende, manchmal auch burgenartige neogotische Landhäuser“.3
